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Portrait von Louis Braille

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Portrait von Louis Braille
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Louis Braille

In der Grabkammer Nr. 25 des Pantheon wurde als einziger Schmuck ein Lorbeerkranz aufgehängt, dessen Schleife die Aufschrift trägt:
- LOUIS BRAILLE -
LES AVEUGLES DU MONDE
(- Louis Braille - Die Blinden der Welt)

Noch am 5. Januar 1852, einem Tag vor seinem Sterben, feierten Louis Brailles blinde Freunde seinen Geburtstag mit Gesang. Denn Louis liebte die Menschen, die Freunde, die Musik, das Leben mit all seinen Freuden und Kämpfen - und kämpfen musste er wahrlich: Erst zwei Jahre vor seinem Tode, also 1850, wurde sein Schriftsystem offiziell in der Blindenbildung Frankreichs eingeführt.

Bevor wir Louis Braille etwas näherkommen, möchte ich dem einen Satz aus Antigone von Sophokles voranschicken, der - so glaube ich - sehr treffend ist:
"Gewaltiger als das Schicksal ist
der Mensch, der es zu tragen weiß!"

***

Vater Simon betrieb in dem kleinen Ort Coupvray unweit von Paris eine Sattlerwerkstatt. Oft kamen die Leute von weit her, um sich von ihm Sättel und Zaumzeug für ihre Pferde anfertigen zu lassen, das Geschäft ging gut.

Als den Brailles am 4. Januar 1809 ihr viertes Kind - ein Nachzügler - geboren war, konnten sie nicht ahnen, wie schon bald ihr Leben, und das des Kindes, hart auf die Probe gestellt würden.

Neben Simons Arbeitstisch stapelten sich dicke Lederrollen. An der Wand dahinter hingen Werkzeuge in ordentlichen Reihen. Da gab es Werkzeuge zum Drehen und zum Spannen, zum Schneiden und zum Lochen, Messer, Hämmer, Eisen und Ahlen gab es auch.
Der kleine Louis kannte sie gut und hätte gar zu gern dem Vater ein wenig geholfen. Aber der verbot es streng und nahm ihm sogar ein Versprechen ab; und doch wünschte sich Louis nichts sehnlicher, als sie einmal in die Hand nehmen zu dürfen.

Eines heißen Sommertages - drei Jahre war er jetzt - trödelte Louis vor dem Haus herum und konnte der Versuchung nicht widerstehen. So schlich er sich in die Werkstatt und sah neben herumliegenden Lederresten ein langes, spitzes Werkzeug zum Löcher bohren, nämlich eine Ahle.

Aber das Leder war glatt und die Ahle auch. Plötzlich rutschte sie weg, schien durch die Luft zu wirbeln und drang dann dem kleinen Louis direkt ins Auge. Der herbeigerufene Arzt konnte nur noch mit dem Kopf schütteln.
Das Auge war schwer verletzt und entzündete sich. Die Entzündung breitete sich schnell auf das andere Auge aus, denn Antibiotika gab es damals noch nicht. Heutzutage hätte man Louis schnell helfen und wenigstens das unverletzte Auge retten können.

***

Zunächst schien es Louis, als senke sich ein grauer Vorhang vor sein Gesicht. Mit der Zeit sah er immer weniger, bis er eines Tages kaum noch das Sonnenlicht wahrnahm.
"Wann wird es wieder hell?" fragte er immer wieder. Den Angehörigen tat diese Frage weh; denn mittlerweile stand fest: Der Junge würde für den Rest seines Lebens blind sein. Und er war jetzt noch zu klein, um zu verstehen, was ihm widerfahren war. Wenn er sich stieß, dann tat das den Familienmitgliedern ebenso weh wie ihm selbst, aber da mußte er durch, denn sie wollten, dass er lernte, auf eigenen Füßen zu stehen und zu gehen. Und also verzärtelten sie ihn nicht.

Zu Louis Zeiten gab es viele blinde Bettler. Sie standen an zugigen Straßenecken, waren in Lumpen gehüllt, und oft blieb ihnen, wie den streunenden Hunden, nur der Abfall. Das möge ihrem Sohn nicht widerfahren, dafür wollten die Brailles schon sorgen. Louis sollte ein erfülltes und glückliches Leben führen - so glücklich wie es eben ging.

Bald half er dem Vater und lernte, Leder mit Wachs und einem weichen Tuch zu polieren. Simon brachte seinem Sohn bei, wie man Lederzöpfe flicht. Diese lustigen bunten Zöpfe hingen später als Verzierungen an den fertigen Geschirren. Louis ging auch seiner Mutter im Haus zur Hand. Jeden Abend half er ihr beim Tischdecken, und morgens musste er sogar vom Brunnen einen Eimer Trinkwasser herbeiholen. Der Weg war lang und steinig, und wenn etwas verschüttet war, mußte er noch einmal zurück.

Simon schnitzte seinem Sohn einen langen Stock mit einem spitzen Ende. Louis lernte bald, den Stock beim Gehen vor sich herzuschwenken. Er war ihm eine große Hilfe, denn wenn er damit irgendwo anstieß, wusste er, dass er entweder stehenbleiben und das Hindernis erkunden oder seine Richtung ändern musste.

Im Alter von fünf Jahren war Louis Braille schließlich völlig erblindet. Warum ist unser noch unmündiges Kind von so einem schweren Schicksalsschlag betroffen? Das mögen sich seine Eltern in stiller Stunde oft gefragt haben.

***

Getrübt wurde Louis' Kindheit durch die Besetzung des Nordostens Frankreichs durch die Verbündeten gegen Napoleon I. Unbekannte Schritte ertönten in der Wohnung. Stimmen, die Louis nicht verstand, riefen Befehle. Sein Vater musste einige Soldaten der kaiserlich-russischen Truppen nach der Niederlage Napoleons einquartieren. Täglich war ein Kommen und Gehen in der väterlichen Werkstatt. Die Kinder, besonders Louis, waren durch diese ungewöhnlichen Ereignisse in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft sehr geängstigt.

Nach zweijähriger Besetzung verließen die fremden Truppen 1816 das Land. In die Werkstatt zog die frühere Ruhe wieder ein und mit ihr der übliche Rhythmus im Dorf. Arbeiten für seinen Vater füllten Louis' Tage aus.

***

Als Louis sechs Jahre alt war, wurde ein neuer Priester nach Coupvray versetzt, und Pater Paluy änderte Louis Leben grundlegend. Jakob Paluy unterrichtete ihn in Geschichte, besprach einige Dinge aus Naturwissenschaften und vermittelte ihm die Freude am Singen und musizieren. Er schloß den aufgeweckten Knaben in sein Herz und unterwies ihn im christlichen Glauben. Als Louis sieben Jahre alt war, schickten seine Eltern ihn zu Antoine Becheret, einem jungen Lehrer des Dorfes, der 1816 nach öffentlicher Ausschreibung eingestellt war. Der mochte wohl anfänglich so seine Bedenken gehabt haben, denn noch nie hatte er ein blindes Kind unterrichtet. Louis machte sich aber bald als ein fleißiger und aufmerksamer Schüler bemerkbar. Er war zwar heiter und froh, trotz der Finsternis, die ihn umgab, doch seine Bildung blieb auf das beschränkt, was er von dem behielt, was sein Lehrer sagte.

Mit der Zeit spürte Louis die auf ihm liegenden Fesseln der Blindheit sehr. Wie ließ sich die Schrift der Sehenden erlernen? Wie konnte man die Formen der Buchstaben unseres Alphabets tastbar erfassen? Ein schier unüberwindbares Hindernis galt es zu bewältigen. In einer Familienchronik ist durch Louis Bruder überliefert, dass der Vater eine erstaunliche Methode erdacht hatte, dieser Schwierigkeit Herr zu werden. In eine hölzerne Platte schlug er Polsternägel in der Form der lateinischen Großbuchstaben des Alphabets. Diese lernte Louis, und er entzifferte mit der Hand auf diese Weise das für ihn bis dahin geheimnisvolle Alphabet der Sehenden. Die hier gewonnene Erkenntnis über die Bedeutung der erhöhten Punkte zur Erfassung der Schriftzeichen war dem intelligenten Knaben eine nicht zu unterschätzende Erfahrung bei der späteren Erfindung seiner Punktschrift.

Der Junge war jetzt zehn Jahre alt, und bald würde er aus der Dorfschule herausgewachsen sein. Pater Paluy machte sich Sorgen um Louis, und er hörte sich um. Bald erfuhr er von einer Schule in Paris, dem königlichen Instutut für blinde Jugendliche. In der Schule wurden alle möglichen Fächer unterrichtet: Rechnen, Grammatik, Erdkunde, Geschichte, Musik, und was das erstaunlichste war, auch Lesen. Außerdem erhielten die Kinder eine Berufsausbildung in einem Beruf, der sie in die Lage versetzte, sich später einmal ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Valentin Haüy hatte im Jahre 1784 in Paris das erste Blindeninstitut der Welt gegründet. Das war eine große humanistische Tat der wir uns heute noch dankend erinnern. Pater Paluy war ganz außer sich vor Freude, als er von Paris die Nachricht erhielt, das Institut könne Louis aufnehmen. Nun war es an der Zeit, mit der Familie Braille alles zu besprechen. Die Eltern zögerten, und der Priester verstand das. Aber er sagte: "Der Junge wird älter, und mit jedem Jahr wird die Kluft zwischen ihm und den anderen Kindern größer; ganz abgesehen davon: Er möchte so gern lernen."

***

An einem kalten Februartag des Jahres 1819 kletterte Louis in die Postkutsche und machte sich auf den Weg in die Schule. Der erste Tag dort wird wohl für ihn ein Alptraum gewesen sein. Die vielen fremden Räume, der Lärm - fast 100 Schüler besuchten das Institut. Je mehr die anfänglichen Schwierigkeiten überwunden waren, umso mehr zog auch die Freude in sein Herz. Und auf die Nachmittage freute er sich immer ganz besonders. Dann ging er zum Musikunterricht. Die Jungen lernten alle irgendein Musikinstrument spielen. Louis erlernte mehrere. Von Anfang an zeigte er eine besondere Begabung für das Klavier. Er liebte es, in die Tasten zu greifen und den Tönen zu lauschen. Die Musik wurde zu einer der größten Freuden in seinem Leben.

An manchen Nachmittagen ging es auch in die Werkstätten: Dort strickten sie Mützen und Fäustlinge, machten Stroh- und Lederschuhe oder flochten lange Lederpeitschen für Ochsen und Pferde. Am Ende des ersten Schuljahres bekam Louis sogar eine Auszeichnung für Stricken und Schuhemachen, er hatte seinem Vater ja schon in der Werkstatt zu Hause einiges abgeschaut und dazu noch sehr geschickte Hände.

In den ersten Jahren seines Aufenthaltes bewunderten Lehrer und Pfleger immer mehr Louis Fleiß, dem er sowohl in der Schule als auch bei der Arbeit in den Werkstätten ergeben war. Er erhielt oft Preise für seine Leistungen. Geschichte, Geographie und Mathematik erlernte er mit erstaunlicher Leichtigkeit. Später besuchte er Vorlesungen an öffentlichen Schulen. Seinen Musikunterricht erhielt er nicht nur im Piano-, sondern auch in Generalbaß- und im Orgelspiel. Lehrer des Konservatoriums unterrichteten ihn gratis. Sein Direktor Pignier schrieb:

"... begabt mit einer leichten Auffassungskraft und einem lebhaften Geiste von wunderbarem Scharfsinn, machte er [Louis Braille - d. Red.] sich bald durch Fortschritte und Erfolge bemerkbar."

 

Als sehr nachteilig soll hier erwänt werden, dass das Haus des Blindeninstituts eine ungesunde Unterkunft bot. Nach Zeitberichten wütete in ihm eine große Sterblichkeit, und die Krankenzimmer waren stets belegt. Es herrschte ein dumpfes, feuchtes Klima. Und so befiel hier Louis Braille der Keim seiner Lungenkrankheit, die ihn drei Jahrzehnte später hinwegraffte.

Zunächst aber drückte und belastete ihn etwas ganz anderes, nämlich die Tatsache, dass es für die Blinden immer noch keine gut tastbare und leicht lesbare Schrift gab. Man benützte im Unterricht die von Haüy erfundene Methode. Anstelle der sperrigen und plumpen hölzernen Lettern wählte man zierlichere Erhebungen der Buchstaben, die durch Schriftzeichen aus Blei in Karton geprägt wurden. Man erkannte die Schwierigkeit und die Langsamkeit dieser Methode und hatte schon mancherlei ausprobiert: erhabene und vertiefte Buchstaben, Buchstaben aus Stein, Schnur, Wachs und Holz. Abgesehen davon musste Louis bald feststellen, dass die gesamte Schulbücherei aus nur 14 Bänden bestand. Sie waren schwer, unhandlich, und ehe man sich durch einen Satz buchstabiert hatte, hatte man dessen Anfang längst wieder vergessen. Nein, er wusste es jetzt genau, dass es so niemals Bücher für Blinde in hohen Auflagen geben konnte. Es musste eine andere, bessere Möglichkeit geben.

***

Es geschieht nicht selten, dass ein Mensch durch einen Bruch in seinem Leben auf einen Weg geführt wird, den er normalerweise nicht beschritten hätte. Er erhält gleichsam einen bestimmten Auftrag, der seinem Leben eine eindeutige Richtung gibt. Was auf der einen Seite ein Verlust, ja ein Opfer ist, setzt auf der anderen Seite ungeahnte Kräfte frei und befähigt ihn zu außerordentlichen Leistungen. So wurde Louis Brailles Erblindung durch den erlittenen Unfall zum Glücksfall für alle Blinden.

Am 11. April 1821 erhielt das Blindeninstitut in Paris einen außerordentlichen Besuch. Hauptmann Barbier hatte eine Methode erfunden, mit Hilfe derer sich seine Soldaten in der Dunkelheit Nachrichten übermitteln konnten; Er nannte sie "Nachtschrift". Der Hauptmann dachte, dass sich die Blinden auch ihrer bedienen könnten.

Und so funktionierte diese Schrift: Ein Wort wurde in Laute zerlegt. Jeder Laut erhielt ein anderes Muster aus elf erhabenen Punkten, deren Stellung zueinander ihre Bedeutung ausmachten. Es gab weder Zahlen noch Satzzeichen, und diese Schrift war allenfalls für kurze Mitteilungen geeignet.

Aber die Punkte: Sie ließen Louis nicht mehr los. Ihre große Zahl, so wusste er, erschwerte die Lesbarkeit.

Von nun an versuchte er eine vollständige Umstellung des Systems, eine Arbeit, die er mit Scharfsinn und Logik anging. Der Eifer, mit dem er sich in diese Aufgabe vertiefte, war so groß, dass er bis zum endgültigen Gelingen ununterbrochen anhielt. Es dauerte dennoch einige Jahre, bis der frühreife Geist sein Werk vollendet hatte. Endlich, zu Beginn des Oktober 1825, fand der 16jährige die Lösung, sein geniales Alphabet.

Abbildung des Braille-Alphabets

Einige Bemerkungen zur Brailleschrift

In der Normalschrift, die wegen ihres meist schwarzen Druckes auf weißem Grund auch "Schwarzschrift" genannt wird, unterscheiden sich die Buchstaben durch eine Vielzahl von Merkmalen, die sich in ihrer Gesamtheit nur visuell mit vertretbarem Aufwand unterscheiden lassen. Die Vielzahl der Unterschiede macht zwar die Schrift schön, ist aber zur eigentlichen Schrifterkennung gar nicht notwendig. Es reicht aus, wenn die Zahl der darstellbaren Zeichen so groß ist, dass alle benötigten Zeichen dargestellt werden können.

Mit seinen sechs Punkten hat Louis Braille dieses Problem auf nahezu geniale Art gelöst. Wie auf der Abbildung des Braille-Alphabets zu erkennen ist, sind die Punkte in zwei Spalten zu je drei Zeilen angeordnet. Jedes Zeichen besteht aus einer bestimmten Punktkombination. Da jeder Punkt gesetzt oder nicht gesetzt sein kann, ergeben sich - einschließlich Leerzeichen - 2 hoch 6, also 64 Kombinationen und damit 64 darstellbare Zeichen. Das reicht für die Darstellung des Alphabets völlig aus.

Wie scharfsinnig Louis Breille bei der Ausarbeitung seiner Schrift vorging, kann daran gemessen werden, dass er den Weitblick besaß, keine Zeichen für Großbuchstaben und Ziffern zu vergeben, sondern diese durch vorangestellte Sonderzeichen kenntlich zu machen. Auf diese Weise blieb in der Schrift noch genügend Raum für die Anpassung an nationale Besonderheiten wie das deutsche ß. Auch das w, das es im Französischen nicht gibt, konnte auf diese Weise in die Brailleschrift der anderen Sprachen eingefügt werden. Dabei musste allerdings die von Braille festgelegte Ordnung durchbrochen werden. Sie bestand darin, zunächst für die Buchstaben a bis j nur die oberen vier Punkte zu verwenden, für die Buchstaben k bis t zusätzlich zu den Kombinationen von a bis j den Punkt links unten zu setzen und für die restlichen Buchstaben zusätzlich noch den Punkt rechts unten.

Mit Abmessungen von etwa 4 mal 6 mm ist das Sechs-Punkte-Feld der Größe der Fingerkuppe des lesenden Fingers optimal angepasst. Das ist wichtig, weil ein Buchstabe beim Lesen vollständig erfasst werden muss, damit er richtig gedeutet wird. Könnte ein Sehender beispielsweise von den Großbuchstaben C, G und O nur die linke Hälfte sehen, dann hätte er schließlich auch Probleme zu sagen, um welchen Buchstaben es sich gerade handelt.

Die Brailleschrift setzte sich - noch im Laufe des 19. Jahrhunderts - weltweit weitgehend durch und wurde den nationalen Besonderheiten angepasst, soweit dies erforderlich war.
Auf der Grundlage der Brailleschrift wurden im Laufe der Zeit weitere Spezialschriften entwickelt, zum Beispiel eine Kurzschrift, eine Stenografie, eine Spezialschrift für Mathematik, ja sogar eine für Strickmuster.

***

Louis Brailles Mitschüler hatten das System schnell angenommen und waren begeistert. Es ist so einfach und so leicht abzutasten! Und so klein. Es passt so viel unter meine Fingerkuppen. Wir können schreiben. Wir können uns gegenseitig Briefe schreiben. Und Tagebuch führen! Wir können im Unterricht Notizen machen - und Bücher lesen, das hat Louis vielleicht ganz bescheiden hinzugefügt.

Inzwischen hatten Brailles Fortschritte die Institutsleitung veranlaßt, ihn zunächst als Repetitor für die Kleinen zu beschäftigen. Ihm gebührt auch das große Verdienst, den Blinden den Weg in die Schatzkammer unserer Komponisten geöffnet zu haben. Als Organist und Musiklehrer empfand er das Fehlen einer Notenschrift sehr. Aus seinem Alphabet entwickelte er 1828 ein System, das zum ersten Mal in der Geschichte den Blinden ermöglicht, musikalische Werke in einer für sie lesbaren Schrift auszudrücken.

Der neue Direktor des Instituts, der erst so viel Zweifel hatte, fragte ihn im gleichen Jahr, ob er nicht als Lehrer am Institut bleiben wolle, die Bezahlung sei nicht sonderlich gut, nur 15 France im Monat.
Louis nahm begeistert an.

Später, 1833, wurde Braille auf Betreiben des Direktors vom Hilfslehrer zum Lehrer des Instituts ernannt. Im gleichen Jahr hatte er seine Ausbildung zum Organisten abgeschlossen.

Seine praktische Nächstenliebe kennzeichnen folgende Begebenheiten:
Einem seiner Schüler half er, eine finanzielle Notlage zu überwinden, indem er ihm für kurze Zeit seinen Platz als Organist überließ. Er kaufte Bücher in Hochdruck und Tafeln und verteilte sie unter bedürftige Schüler.

***

Verhängnisvoll wirkte sich das 1829 diagnostizierte Lungenleiden auf Louis Brailles Gesundheit aus. 1835 zeigten sich die ersten Symptome der Tuberkulose. Trotz aller Fürsorge schritt die Krankheit so schnell fort, dass er sich genötigt sah, mehrere Male Paris zu verlassen. Eine lange Ruhepause bei seiner Familie bestärkte ihn in seiner Hoffnung auf Genesung. Im Jahre 1844 trat ein heftiger Blutsturz ein, und wieder musste er seine Arbeit für längere Zeit unterbrechen, und sie wurde schließlich nur auf den Musikunterricht beschränkt.

Schon im Jahre 1838 hatte der Dichter Lamartin nach einem Besuch des Blindeninstituts an die Deputiertenkammer geschrieben:

"Die Beschreibung der Baulichkeiten kann ihnen kein Bild geben von den engen Räumen; ekelhaft und finster diese kleinen Kammern, die man Unterrichtsräume nennt. Diese krummen, wurmstichigen Treppen! Ich begnüge mich, meine Herren, der Kammer zu versichern, dass das Geld des Haushalts niemals besser angewandt wird, als den Geist derer zu fördern, die die Natur des kostbarsten unserer Sinne beraubt hat."

 

Beeindruckt durch diese eindringliche Eingabe bestimmte die Kammer, ein neues Blindeninstitut zu bauen. Am 11. November 1843 war es bezugsfertig. Hier verbrachte Louis Braille die letzten Jahre seines Lebens.

***

Im Jahre 1847 glaubte der Direktor des Instituts eine Besserung von Louis Brailles Gesundheitszustand festzustellen. Er erlaubte ihm, seine Unterrichtstätigkeit wieder aufzunehmen. Leider ging das nur für drei Jahre, denn Brailles Kräfte ließen so stark nach, dass er 1851 um seine Entlassung bitten musste. Trotzdem blieb er im Institut und gab noch einige Klavierstunden.

Es liegt aus dieser Zeit noch ein Brief von Louis Braille an seine Mutter vor, den er auf einer Schreibmaschine in Flachschrift geschrieben hat. Hier ein Auszug:

"Der Winter hat begonnen, und man sollte im Hause bleiben. Ich geh nicht aus, und während die Pariser ihre neue Verfassung bei einem Schneesturm feiern, war ich froh, behaglich in meinem kleinen warmen Zimmer zu sitzen und den Kanonendonner anzuhören. Nun lasst uns fröhlich sein und gut durch den Winter kommen. Schreib und berichte mir, wie es meinen Brüdern, Schwestern und Freunden geht. Ich hoffe, Dich besuchen zu können, wenn der Winter vorbei ist. Bis dahin bin ich, Dein Dich liebender Sohn Louis."

 

Infolge eines Katharrs verschlimmerte sich sein Leiden so, dass er im Dezember 1851 in die Krankenstube des Instituts verlegt werden musste. Ans Sterbebett kam im Auftrag der Regierung ein Staatsrat und überreichte als Krönung seines Werkes das Kreuz der Ehrenlegion, die höchste Auszeichnung seines Vaterlandes, um ihm für den unvergeßlichen Dienst zu danken, den er der Welt erwiesen hat.

Heftiges Blutspucken trat ein, und die Kräfte es Kranken schwanden rasch, sodass er die letzte Ölung verlangte. Auf seinen Wunsch war sein Notar erschienen, und in Gegenwart seiner Freunde diktierte er sein Testament. Er überließ den größten Teil und seine Grundstücke seiner Mutter. Seinem Freund hatte er eine Liste der Empfänger seiner Freizügigkeit erstellt. Er gedachte seiner Kollegen und Schüler, des Knaben, der ihn zu seiner Arbeitsstätte führte, an den Krankenwärter, der ihn pflegte, selbst an die Hausangestellte, die sein Zimmer in Ordnung hielt. Auf der Schwelle des Todes bat er seine Erben, ein Kästchen zu verbrennen, in dem er Schuldscheine eingeschlossen hatte. Er wollte nicht, dass man die belästigte, denen er einst geholfen hatte. Am Morgen des 6. Januar bat er um das Heilige Abendmal. Nach Mittag sprach er nicht mehr. Seinem Bruder und den ihn umgebenden guten Freunden drückte er die Hände. Und ein Freund schreibt:
"Um 7 1/2 Uhr übergab Louis Braille seine Seele den Händen Gottes."

***

Niemand hatte die weltumspannende Tragweite seines Werkes geahnt. Abgesehen vom kleinen Kreise seiner Freunde hatte niemand wahrgenommen, dass Louis Braille durch seine Erfindung Millionen in der Welt dem Dunkel der Nächte entriss; Ehre daher seiner schöpferischen Tat. Blinde aller Länder der Erde sagen ihm Dank für ihre Befreiung von den Fesseln der Unbildung und Isolation, für sechs Punkte, die ihnen ein erfülltes tätiges Leben in Gemeinschaft mit den Sehenden ermöglichen.

Barbara Rogge

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